Zur Pferdezucht in der Schweiz, 16. bis 19. Jahrhundert

Andres Furger, Fassung vom 19. 10. 2014 Seite

Robert Staub 1924 im Handbuch „Reiten und Fahren“, Seite 90

"Bekanntlich begann die eidg. Pferdezuchtkommission im Jahre 1879 mit dem Import von Anglonormännerpferden. Die ersten Importe dieser Rasse übten einen sehr guten Einfluss aus auf unsere einheimische Pferdezucht und nach dem Zeugnis von Fachmännern waren sie es, die unser Jurapferd vorwärts gebracht haben. Die späteren Importe von Anglonormännern führten mehr Blut. Diese Tiere leisteten unserer Zucht sehr schlechte Dienste, denn ihre Zuchtprodukte waren hochbeinig, fein und engbrüstig. Die eingetretenen Nachteile suchte man zu korrigieren durch Umschlagen ins andere Extrem beim Import von schweren Tieren kalten Blutes. Die Freiberger benutzten wohl die ersten, guten Anglonormänner, hüteten sich aber weiter mitzumachen, als die blutreicheren Tiere kamen. Ebenso enthielten sie sich später der Einmischung schweren Blutes. So entstand unser heutiges Jurapferd, ein tief gewachsenes Pferd mit guter Oberlinie, soliden Gliedmassen, gängig, robust und für den Gebrauch im landwirtschaftlichen Betrieb wie geschaffen, gleichzeitig dem Bedürfnis der Armee nach einem guten Artilleriepferd voll und ganz genügend.“"

Die Formgestaltung des Jurapferdes in den letzten 80 Jahren, Von Dr. E. Hirt, Bezirkstierarzt, Brugg. (Vortrag anläßlich des Pferdebeurteilungskurses vom 22. Oktober 1941 in Bremgarten [Aargau]. Mit einigen Ergänzungen.)

Schweizer Archiv für Tierheilkunde SAT : die Fachzeitschrift für Tierärztinnen und Tierärzte = Archives Suisses de Médecine Vétérinaire ASMV : la revue professionnelle des vétérinaires

Band 84 von 1942

"...Eine vollständige Wendung in der Beschaffung von männlichem Zuchtmaterial brachte die Schweizerische Hengstenausstellung in Bern im Jahre 1879, wo alle ersten Preise auf die Hengste der Normandie fielen. Von 55 ausgestellten Hengsten waren nur 4 Exemplare einheimischer Provenienz! Der Import von Anglonormännern bildete den zweiten Versuch, unsere Pferdezucht zu regenerieren. Das Waadtland hatte schon vorher diese Rasse zur Zufriedenheit der Züchter verwendet. Der Bund ahmte das gute Beispiel nach und importierte von 1877 bis 1898 über 200 Hengste. Über die züchterischen Erfolge während dieser 6 74 Zeitspanne orientieren die Prämiierungen und Ausstellungen. Wir lesen in einem Bericht über die landwirtschaftliche Ausstellung in Luzern 1881: Die Kreuzungsprodukte mit Normännern sind sehr befriedigend, namentlich mit Jurastuten. Die Formen haben sich gebessert, ebenso der Gliederbau, die Stellung und der Gang. Militärische Vertreter stellen den Produkten ein gutes Zeugnis aus. Es sei das Pferd, das im großen und ganzen für unsere Verhältnisse passe und das wir züchten müssen. Es wurde sogar eine Bestimmung aufgenommen, wonach Bundessubventionen im allgemeinen nur Hengsten anglonormänner Herkunft zukommen sollen. Der Bundesrat könne Ausnahmen bewilligen. Man glaubte, daß auf Grund dieser Berichte die Pferdezucht besseren Zeiten entgegengehen würde. Aber schon einige Jahre darauf, anläßlich der Landesausstellung in Zürich anno 1883, setzten die ersten Klagen über die Verfeinerung und Unausgeglichenheit der Produkte ein. Die militärischen Instanzen sahen sich ebenfalls enttäuscht in ihren Erwartungen, namentlich die Kavallerie. Die Zuchtprodukte genügten den Anforderungen nicht und wurden von der Militärverwaltung nicht angekauft. Die Meinungen über die Eignung der Anglonormännerhengste waren geteilt, je nach dem Zwecke der Verwendung. Heute müssen wir feststellen, daß diese Rasse der einheimischen Zucht, namentlich dem Jura, Gutes gebracht hat. Unter den vielen Importen befanden sich doch einige hervorragende Vererber, die ein solideres Fundament, eine bessere obere Linie, korrekteren Gang und Frühreife herstellten. Ich erwähne die bekannten Hengste und Begründer von heute noch wertvollen Blutlinien „Imprévu", „Kermès", „Tactitien" (Stutenvater) und „Tabar". Der alte Normänner war ein robuster, starkknochiger Halbblüter, der nicht nur in der Schweiz, sondern auch anderwärts hervorragende züchterische Leistungen vollbracht hat. Als Beispiel möchte ich Württemberg nennen, wo der Anglonormänner „Faust" der dortigen darniederliegenden Landeszucht einen neuen Impuls gebracht hat. Sodann treffen wir in Ungarn einen Vertreter dieser Rasse an, „Nonius", der ein großes Zuchtgebiet begründete und heute noch in 2 Typen, dem großen und kleinen Nonius, als wertvollstes Zuchtmaterial weiter lebt und mit großem Verständnis gehegt und gepflegt wird. Leider wurde in der Normandie durch die starke Infiltration von Vollblut der bodenständige, erdverbundene und derbe Pferdeschlag vernichtet."

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